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08.10.2007
Erinnern an politische Haft in Cottbus
Ehemalige Gefangene fordern mehr Aufarbeitung der Geschichte der Haftanstalt

Rund 300 Menschen hatten sich angemeldet, mehr als doppelt so viele kamen gestern nach Cottbus in das leerstehende alte Gefängnis. Dort hatten Tausende politische Häftlinge der DDR eingesessen. Sie fürchten, dass ihr Schicksal in Vergessenheit gerät und fordern in einer Cottbuser Erklärung in Brandenburg eine bessere Erinnerung an die Opfer der SED-Diktatur.
"Ich habe nicht gedacht, dass ich noch mal durch dieses Fenster schauen würde", sagt Peter Nowick. Dann zeigt er seiner Frau Birgit, wo in der
Zelle die Etagenbetten standen, wo die Toilette für mehr als ein Dutzend Gefangene war. Von 1982 bis 1985 hatte der Cottbuser 30 Monate in der Haftanstalt in der Bautzener Straße verbracht, bevor er vom Westen freigekauft wurde. Heute lebt er in Berlin. Nowicks "Verbrechen" in der DDR: Wegen seiner Arbeit in der kirchlichen Friedensbewegung wurde er immer wieder schikaniert. Berichte darüber an Freunde im Westen brachten ihm drei Jahre Haft wegen "Nachrichtendienstlicher Verbindungsaufnahme" ein.

Den Ort seiner Haft zeigen

Nowick ist nach Cottbus gekommen, um seiner Frau, die aus dem Westteil Berlins stammt, den Ort seiner Haft zu zeigen. "Den jüngeren Leuten heute ist egal, was damals war; dem Staat geht es bei dem Thema nur ums Geld", so seine nüchterne Einschätzung des öffentlichen Umgangs mit der Erinnerung an die Opfer der SED-Diktatur.

Verkauf geplant

Wie sehr die politische Haft in der DDR Betroffene und Angehörige auch 18 Jahre nach dem Mauerfall bewegt, zeigte die Resonanz auf die Einladung einiger Brandenburger CDU-Politiker um den Landtagsabgeordneten Dieter Dombrowski in die ehemalige Cottbuser Haftanstalt. Die steht seit fünf Jahren leer und soll noch vor Jahresende verkauft werden. Gestern konnten die Gebäude noch mal besichtigt werden. Dort sind die Wände inzwischen mit Graffiti beschmiert, die Fensterscheiben zerschlagen. Noch bis 2002 saßen hier Strafgefangene ein. Dombrowski war 1974/75 in Cottbus wegen versuchter Republikflucht und "Nachrichtendienstlicher Verbindungsaufnahme" eingesperrt. Seine Schwester, die bei einem Besuch einen Kassiber mitnahm und in den Westen schmuggelte, wurde dafür zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt. "Die Opferrente von 250 Euro monatlich will sie nicht haben, solange Stasi-Leute Sonderrenten bekommen", erläutert Dombrowski.
Er kritisiert, dass gerade in Brandenburg bisher zu wenig getan werde, um die Erinnerung an die "dunkle Seite der DDR" wach zu halten. Das Cottbuser Gefängnis sei dafür ein trauriges Beispiel. "Hier ist bisher nichts erforscht worden", sagt der CDU-Politiker. Ein Gedenkstein am ehemaligen Verwaltungsgebäude sei nur auf private Initiative hin aufgestellt worden. In der Stadt Cottbus spiele das Gefängnis und seine Geschichte kaum eine Rolle. Auch seine eigene Partei, die CDU, habe sich bisher bei diesem Thema zu sehr zurückgehalten, so der Landtagsabgeordnete. Das soll sich nun ändern. Mit einer Cottbuser Erklärung, die gestern schon mehrere Hundert Menschen unterschrieben, wollen Dombrowski, der CDU-Bundestagsabgeordnete aus dem Elbe-Elster-Kreis, Michael Stübgen, und andere politischen Druck aufbauen, damit sich im Umgang mit den SED-Opfern etwas ändert. Kern ihrer Forderungen:
Leidensorte bewahren, mehr Forschung und mehr Angebote für politische Bildung junger Menschen.
"Es geht um Respekt für Menschen, die zu Unrecht jahrelang weggesperrt waren", fasst Dombrowski das Anliegen der Aktion zusammen.

Angst statt Heldentum

Der Berliner Wolfgang Arndt würde es gern sehen, wenn aus dem Cottbuser Gefängnis, wo er zwei Jahre eingesperrt war, eine Gedenkstätte würde. Als sich eine Frau bei ihm spontan bedankt, weil er damals den Mund aufgemacht habe, wird er verlegen. "Wir waren keine Helden", erklärt er umringt von Zuhörern in seiner ehemaligen Zelle. "Wir hatten Angst und wollten nur mit heilem Arsch hier raus." Wie andere politische Ex-Häftlinge, die gestern in Cottbus waren, betont er, dass es ihm nicht um materielle Dinge geht. "Wir wollen akzeptiert und anerkannt werden", stellt Arndt klar. Keine Rente oder Entschädigung könne verlorene Lebenszeit zurückgeben oder Albträume nehmen. Dann erzählt er von der Enge in den überfüllten Zellen, von den Schikanen mancher Schließer. Der gebürtige Cottbuser Konrad Kauczor war nur knapp ein Jahr hinter Gittern, nachdem seine Flucht aus der DDR gescheitert war. Die Hälfte davon saß er in der Untersuchungshaft der Staatssicherheit, den Rest in der Bautzener Straße. "Ich bin froh, dass es hier endlich mal eine öffentliche Führung gibt", sagt er. "Ich war ja nicht lange hier, aber das war schon einschneidend." Heute lebt Kauczor, der bei seiner Festnahme Anfang zwanzig war, in Berlin.

Aufklären und informieren

Für den Lausitzer CDU-Bundestagsabgeordnete Stübgen wird es sogar immer wichtiger, über die DDR aufzuklären und zu informieren: "Im nächsten Jahr werden zum ersten Mal junge Menschen volljährig, die nach dem Mauerfall geboren wurden." Andererseits ergriffen seit einiger Zeit immer öfter auch "Täter" von damals in der Öffentlichkeit das Wort."
In der alten Cottbuser Haftanstalt nahmen gestern die früheren "Politischen" das Wort. Sie erzählten von den miserablen Lebensbedingungen hinter Gittern, von Keller-Einzelhaft, von Selbstmord und vom Tod eines 62-Jährigen mit einem Magendurchbruch wegen fehlender ärztlicher Hilfe. Aber sie berichteten auch von Solidarität untereinander und von einer handgeschriebenen illegalen Zeitung, von denen dreizehn Exemplare erschienen.
Vielleicht, so der Gedanke des in Cottbus eingesperrten Reinhardt Ziggert, könne jemand über die Geschichte der Haftanstalt seine Doktorarbeit schreiben. Oder es könne jemand Einzelschicksale dokumentieren, so ähnlich wie der gerade verstorbene Schriftsteller Walter Kempowski in seinem "Echolot". Nur über die Geschichten einzelner Betroffener werde klar, was sich zu DDR-Zeiten im Cottbuser Gefängnis abgespielt hat.
aktualisiert von Boxhorn Thomas, 06.01.2008, 18:47 Uhr